Die Familie mit dem Kirmes-Gen

Oscar Bruch
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Dass die Familie Bruch zu Düsseldorf gehört wie der Schlossturm, wird auch Zugereisten spätestens beim Blick zum Riesenrad auf den Oberkasseler Rheinwiesen schlagartig klar: Den Kopf der Mittelachse schmückt ein großes Fortuna-Banner. Klarer kann das Bekenntnis zur Heimatstadt nicht sein. Über anderthalb Jahrhunderte geht die Schausteller-Tradition der Bruchs zurück. Seit die Düsseldorfer Kirmes vor 110 Jahren auf den Rheinwiesen startete, ist die Familie Bruch auch hier mit von der Partie. Dabei steht sie mit dem Riesenrad sinnbildlich für das Volksfest, auch wenn sie im Laufe der Generationen unzählige Fahrgeschäfte führte – vom ersten handbetriebenen Pferdekarussell bis hin zu nervenaufreibenden Achterbahnen. Und genau genommen war jedes dieser Fahrgeschäfte in seiner Zeit immer eine Sensation. Oscar Bruch jun., der mit seiner Schwester Angela die Familientradition in fünfter Generation weiterführt, erzählt: „Mein Urgroßvater Emil kaufte 1896 ein Riesenrad, damals noch russische Schaukel genannt, das von Hand betrieben und mit Karbidlampen ausgestattet war.“ Das war übrigens, so hält es die Familienchronik fest, ein Jahr bevor im Wiener Prater zum 50-jährigen Thronjubiläum Kaiser Franz Josefs I. das wohl berühmteste Rad der Welt errichtet wurde.

Höher, schneller, weiter

Ab 1900 wurde ein Verdampfer- Diesel-Motor verwendet, der später durch Elektrik abgelöst wurde. „Die neuesten Errungenschaften der Technik gab es immer zuerst auf der Kirmes“, erklärt Bruch. Die ersten Cinematografen als Vorläufer der Kinos, die ersten Musikanlagen und Tanzzelte als Vorgänger der Diskotheken – wer Neues erleben wollte, ging aufs Volksfest. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Entwicklung in eine andere Richtung: Höher, schneller, weiter – lautete das Motto. Und auch die Familie Bruch war daran maßgeblich beteiligt. William Bruch, Großvater von Oscar jun., entwickelte sein erstes transportables Stahlriesenrad mit 16 Gondeln und einer Höhe von 20 Metern. Daraus sind inzwischen 42 Gondeln geworden. Das Riesenrad „Bellevue“, das Oscar Bruch jun. 1994 gemeinsam mit seinem Onkel Willi anschaffte, ragt 50 Meter in die Höhe.

Bei den Bruchs gibt es kaum einen, auf den das Kirmes-Gen, oder wie die Familie es nennt: das „auf- die-Kirmes-Gen“, nicht übertragen wurde. Oscar Bruchs dreieinhalbjähriger Sohn Nick ist das beste Bei- spiel, wie seine Mutter Ariane verrät. „Wenn der einen Kran sieht, muss der drauf. Und er würde auch Achterbahn fahren, wenn wir ihn ließen!“ Die Leidenschaft für die Kirmes wurde sogar von zwei Seiten vererbt: Inge Bruch, die Oma des kleinen Nick, entstammt ebenso wie sein Großvater Oscar Bruch sen. einer Schausteller-Dynastie, ist eine geborene Barth. Sie schreckt vor keiner Achterbahn zurück und kann sich noch an Testfahrten erinnern, bei denen sie nach dem Looping in einem Zaun landete, weil die Schienen zu kurz gelegt waren. 1961 hatte sie Bekanntschaft mit Oscar sen. gemacht. Wo, ist nicht schwer zu erraten. „Die meisten Menschen lernen sich doch am Arbeitsplatz kennen“, lacht sie. „Bei uns hat es gleich gefunkt.“

Die beiden fingen wieder bei Null an, weil die Brüder Franz und Willi Bruch den elterlichen Betrieb von William Bruch übernommen hatten. „Wir hatten einen Musik-Express und noch einen Ringwerf-Pavillon, um über die Runden zu kommen“, erzählt Inge Bruch. Sohn Oscar, 1963 geboren, wuchs quasi hinter der Kasse auf. Und erinnert sich noch an die Preise von damals. „Ein Chip kostete 70 Pfennig, drei Stück kosteten zwei Mark, sechs Stück 3,50 Mark. Und ich konnte schon bis fünf Mark rausgeben!

Zu den 41 Fahrgeschäften, die die „Dynastie Bruch“ über die Jahre betrieben hat, gehörte alles, was auf Volksfesten für „Ohs“ und „Ahs“ sorgte. „Als wir 1978 mit der ersten Looping-Achterbahn in Europa nach Herne kamen, war der Andrang so groß, dass andere Karussells abgebaut werden mussten, um die Sicherheit zu gewährleisten“, erinnert sich Oscar Bruch. 1995 setzte der Eurostar als größte jemals betriebene Freizeitanlage der Entwicklung die Spitze auf. Bruch hat ihn inzwischen nach Moskau an den Gorki-Park verkauft.

Überall auf der Welt unterwegs

Aktuell gehen die Bruchs mit acht Fahrgeschäften auf Reisen – und die führen in die ganze Welt. „Circus Circus“ stand schon in Hongkong, die Wilde Maus in Japan. „Unser Riesenrad war auch schon in ganz Europa unterwegs“, sagt Oscar Bruch. Und an Bord der Fahrgeschäfte hat sich über die Jahre auch allerlei Prominenz versammelt. Formel-1-Pilot David Coult- hard, It-Girl Paris Hilton und Magier David Copperfield fuhren schon bei den Bruchs mit. Den prominentesten Gast aber kann Angela Bruch verbuchen. Sie war 1998 mit der Alpina-Bahn auf dem Hamburger Dom, als ihr Michael Jackson angekündigt wurde. „Er kam tatsächlich mit seinem Tross“, erzählt sie. Und weil sich vor der Bahn so- fort eine riesige Menschentraube bildete, musste der „King of Pop“ samt Leibwächtern nach der Fahrt heimlich hinten rausklettern.

In Düsseldorf gehören zu den prominentesten Mitfahrern die Fortunen. Lumpi & Co. steigen regelmäßig ins Riesenrad. Vor zwei Jahren hing das Vereinsbanner übrigens auch daran. Fortuna stieg in der folgenden Saison in die 2. Bundesliga auf. Und Oscar Bruch glaubt auch diesmal fest an dieses Omen.

BUs:

 Keine Kirmes ohne ein Riesenrad: Oscar Bruch jun. vor dem Fahrgeschäft, das immer noch die allerhöchste Symbolkraft hat.  RP-FOTO: ANDREAS BRETZ

Info

Die Fahrgeschäfte

Wie es sich für „Fahrendes Volk“ gehört, sind auch die Bruchs mit Wohnwagen von Volksfest zu Volksfest unterwegs. Das gilt auch für die Kirmes in der Heimatstadt Düsseldorf. Es wäre viel zu aufwändig, jedes Mal von zuhause auf die Festwiese zu fahren, sagen die Bruchs und leben während der zehntägigen Kirmes mit Kind, Kegel und mit ihren Hunden im Wohnwagen. Mit vier Fahrgeschäften haben sie ja auch genug vor Ort zu tun. In diesem Jahr sind sie auf der Düsseldorfer Kirmes mit dem Riesenrad Bellevue, dem Fahrgeschäft „Circus Circus“, der Alpina-Bahn und dem „Spinning Racer“ vertreten.

 

 

 

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